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Internetstudie beweist starkes digitales Gefälle in Deutschland

Vernetzung und Internet-Stärke sind wesentliche Standortfaktoren für das Überleben in der globalisierten kapitalistischen Netzwerkgesellschaft. Prof. Dr. Edgar Einemann, Hochschullehrer im Studiengang Informatik/Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Bremerhaven, beleuchtet in seinem neuesten Buch die Internet-Situation in Deutschland.

Die Ergebnisse seiner Untersuchung, in der vor allem Fakten zur digitalen Differenzierung zusammengetragen sind, werden heute (09.03.2006) auf der CeBIT in Hannover vorgestellt. Die Untersuchung weist ein starkes digitales Gefälle, deutliche Spaltungen, eine geografische digitale Dreiteilung Deutschlands sowie die wirtschaftliche und soziale Kopplung des Internets nach. Die Internet-Innovationszentren liegen in den deutschen Großstädten. Sie dominieren aber nicht die gesamte Internet-Entwicklung.

Beleuchtet wird die Internet-Situation in Deutschland auf Basis mehrerer Ausgangsfragen: Wie differenziert sich die Internet-Stärke, gibt es eine digitale Spaltung? Gibt es eine Konzentration der Internet-Stärke in einer Metropole? Welche Städte und Regionen heben welche Internet-Stärke? Gibt es eine wirtschaftliche und soziale Kopplung der Internet-Stärke? Bisher haben sich Analysen zur Internet-Entwicklung weitgehend auf Befragungen (persönlich, telefonisch, online) und auf sehr wenige gemessene Indikatoren (vor allem Zahl der Telefonanschlüsse, der verfügbaren Computer und der Internet-Zugänge) gestützt.

Der neue Ansatz besteht darin, den Begriff 'Internet-Stärke' mit Hilfe eines Modells mit 30 Indikatoren empirisch sowohl nach Sektoren (Produktion, Konsumtion und Rahmenbedingungen des Internets) als auch nach Akteuren (Unternehmen, Privatpersonen, Staat) zu bestimmen. Die Datengrundlage bilden eigene Internet-Recherchen des Wissenschaftlers, vor allem aber Messungen von führenden Internet-Unternehmen (1und1, GMX, ING-DIBA, ebay, CortalConsors, mobile.de, allesklar.de) und Institutionen (DENIC, Statistisches Bundesamt und Hochschulrektorenkonferenz).

Die untersuchte Datenlage ist riesig: Ausgewertet wurden zum Beispiel 8 Milliarden vom IVW gemessene Klicks auf Medien-Seiten, 6 Millionen registrierte deutsche Internet-Domains, die bei 1und1 gehosteten Domains und ihre 2 Milliarden Seitenaufrufe, 16 Millionen eMail-Adressen bei GMX, fast eine halbe Millionen Online-Konten bei ING-DIBA sowie das Transfervolumen und die Nutzungsdauer der Breitband-Zugänge bei 1und1. Insgesamt wird auf über 13.000 Basiszahlen zurückgegriffen.

Als Fixpunkte des Ansatzes zur Analyse der Internet-Stärke haben lokale Einheiten (die 50 größten deutschen Städte und 75 Ortsteile der Stadt Bremen) gedient, denen zusätzlich zu den Internet-Daten sowohl ökonomische Strukturdaten als auch personenbezogene Kennziffern zugeordnet werden konnten.

Die Untersuchung von Erklärungsfaktoren für die Befunde konzentriert sich auf der Ebene der Städte auf Profildaten (Größe, politische Funktion, Branchendominanz, Innovationsstärke, Standort von Unternehmenszentralen) sowie auf die geografische Lage und die ökonomische und soziale Position der Stadt. Die Fallstudie für die Stadt Bremen zielt auf die privaten Nutzer und thematisiert vor allem den Zusammenhang mit personenbezogenen Faktoren (Bildung, beruflicher Status, Staatszugehörigkeit).

Nachgewiesen werden ein starkes digitales Gefälle, deutliche Spaltungen, eine geografische digitale Dreiteilung Deutschlands sowie die wirtschaftliche und soziale Kopplung des Internets. Die Internet-Innovationszentren liegen in den deutschen Großstädten. Sie dominieren aber nicht die gesamte Internet-Entwicklung.

So leben in den 50 größten deutschen Städten 26 Prozent der Bundesbürger, aber 66 Prozent der vom IVW gemessenen Seitenaufrufe entfallen auf Content-Angebote aus diesen Städten; andererseits weicht der Anteil zum Beispiel der eMail-Adressen (28 Prozent) und der Domain-Registrierungen (38 Prozent) nur geringfügig ab.

Die Detailbetrachtung aller Städte zeigt eindrucksvoll, dass sich kein digitaler Graben und keine digitale Spaltung durch Deutschland zieht, sondern es eine abgestufte Hierarchie zwischen den Städten gibt: Der Befund weist eine digitale Differenzierung aus. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Polen, die einen spaltungsähnlichen Charakter haben: So hat München mit 82 Prozent der möglichen Punkte die deutsche Internet-Spitzenposition und Mülheim/Ruhr liegt mit 40 Prozent auf dem letzten Rang.

Die Analyse auf der regionalen Ebene zeigt nach einer getrennten Betrachtung für Nordrhein-Westfalen (Unterscheidung von "Rhein-Schiene" und "Ruhrgebiet") eine geografische digitale Dreiteilung Deutschlands mit einer starken Stellung des Bereichs Rhein/Süd (Index-Wert 118), durchschnittlichen Werten im Norden und einer besonders schwachen Position im Bereich Ruhr/Ost (Index-Wert 68). Die relativ gute Internet-Position der Ruhrgebiets-Städte Dortmund und Bochum ist allerdings ein Indiz für die Differenziertheit der Situation.

Das digitale Gefälle, die Differenzierungen und die Spaltungen befinden sich im Gleichklang mit wirtschaftlichen und sozialen Unterschieden gleicher Art und Güte: es gibt eine statistisch eindeutig nachweisbare wirtschaftliche und soziale Kopplung des Internets in Deutschland.

Trotz der sehr guten Position Münchens wird die deutsche Internet-Entwicklung nicht von einer einzigen Metropole dominiert. Die Internet-Stärke vor allem im Bereich der Produktion sowie die Wirtschaftskraft weisen München, Düsseldorf/Köln/Bonn, Frankfurt/Wiesbaden/Mainz, Stuttgart/Karlsruhe sowie Hamburg als führende Großräume aus. Die Fallstudie zur Stadt Bremen bestätigt eindeutig die Ergebnisse für Deutschland.

Zum Autor:

Dr. Edgar Einemann ist seit 1989 Professor im Studiengang Informatik/Wirtschaftsinformatik der Hochschule Bremerhaven. Sein Arbeitsschwerpunkt sind die Anwendungen und Auswirkungen des Einsatzes neuer Informationstechnologien. Die Beteiligung an Projekten in Unternehmen und bei Regierungen (IT-Strategie, IT-Management) hat einen kontinuierlichen Praxisbezug sichergestellt. In den Forschungsarbeiten der letzten Jahre haben empirische Untersuchungen zur Internet-Ökonomie im Mittelpunkt gestanden.

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